
Warum die nächste KI-Welle nicht in Kalifornien entschieden wird
Seit drei Jahren richtet sich der Blick auf künstliche Intelligenz fast ausschließlich nach Kalifornien. Dort entstehen die großen Modelle, dort fließen die größten Summen, dort werden die Schlagzeilen geschrieben. Für viele Unternehmen in Deutschland lag daher eine stille Schlussfolgerung nahe: Diese Welle findet woanders statt, wir schauen zu. Wir halten diese Schlussfolgerung für falsch. Die Modelle werden anderswo gebaut. Ob KI wirtschaftlich zum Erfolg wird, entscheidet sich jedoch an einem anderen Ort: dort, wo sie auf echte Arbeit trifft. Und an diesem Ort hat Deutschland mehr zu bieten, als es sich selbst zutraut.
Die Lehre des Elektromotors
Die Geschichte kennt dieses Muster. Die Glühbirne war 1879 erfunden, zwei Jahre später lieferten die ersten Kraftwerke in New York und London Strom. Doch wer um 1900 durch die Fabriken ging, sah davon in den Produktivitätszahlen fast nichts. Der Grund war einfach: Die meisten Fabriken ersetzten ihre Dampfmaschine durch einen großen Elektromotor und ließen alles andere, wie es war. Die Energie kam weiter aus einer zentralen Quelle, über Wellen und Riemen verteilt auf mehrere Stockwerke.
Der eigentliche Fortschritt kam erst, als Unternehmen ihre Arbeit neu dachten. Neue Fabriken entstanden auf einer Ebene, jede Maschine bekam ihren eigenen Motor, die Produktion folgte dem Fluss des Materials statt dem Verlauf der Antriebswelle. Arbeiter übernahmen mehr Verantwortung und wurden dafür anders ausgebildet. In den 1920er-Jahren wuchs die Produktivität der amerikanischen Industrie daraufhin um mehr als fünf Prozent im Jahr, rund vier Jahrzehnte nach den ersten Kraftwerken.
Die Lehre daraus ist bis heute gültig. Der Wert einer neuen Technologie entsteht nicht dort, wo sie erfunden wird. Er entsteht dort, wo Unternehmen bereit sind, ihre Arbeit um sie herum neu zu ordnen.
Die Technologie wird zur Grundversorgung
Bei KI verläuft diese Entwicklung deutlich schneller. Die Fähigkeiten der Modelle wachsen in kurzen Abständen, und gleichzeitig sinken ihre Kosten in einem Tempo, das es in der Technologiegeschichte selten gegeben hat. Eine Leistung, die vor drei Jahren nur das beste verfügbare Modell erbrachte, ist heute um ein Vielfaches günstiger zu haben. Je nach Aufgabe fallen die Preise für ein gleichbleibendes Leistungsniveau um das Zehn- bis Hundertfache pro Jahr, teilweise noch stärker.
Damit wird das Modell selbst nach und nach zur Grundversorgung, vergleichbar mit Strom aus der Steckdose. Es ist überall verfügbar, für jedes Unternehmen erschwinglich und für sich allein kein Wettbewerbsvorteil mehr. Die entscheidende Frage verschiebt sich. Sie lautet nicht mehr, wer das beste Modell besitzt. Sie lautet, wer es am besten in die eigene Arbeit übersetzt.
Und dafür braucht es etwas, das sich nicht in einem Rechenzentrum herstellen lässt: genaue Kenntnis darüber, wie Arbeit in einer bestimmten Branche wirklich abläuft. Welche Regeln gelten, wo die Ausnahmen liegen, welche Entscheidungen Erfahrung verlangen. Dieses Wissen entsteht in Werkstätten, Büros, Leitstellen und Kanzleien.
Wo Deutschland steht
Die gute Nachricht: Deutschland hat sich auf den Weg gemacht. Mehr als die Hälfte der Unternehmen ab 20 Mitarbeitern nutzt inzwischen KI. Vor zwei Jahren war es nur jedes fünfte. Vier von fünf Unternehmen sehen in der Technologie vor allem eine Chance.
Doch Nutzung ist nicht dasselbe wie Umbau. Vieles, was heute als KI-Einsatz zählt, entspricht dem Elektromotor in der alten Fabrik: ein neues Werkzeug an einer alten Stelle. Ein Assistent, der Texte formuliert, ein Pilotprojekt in einer Abteilung, ein Workshop für das Führungsteam. Das ist ein Anfang, aber es verändert noch nicht, wie ein Unternehmen arbeitet.
Für den nächsten Schritt bringt die deutsche Wirtschaft ungewöhnlich gute Voraussetzungen mit. Mehr als 99 Prozent der Unternehmen hierzulande sind kleine und mittlere Unternehmen, und sie beschäftigen mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmer. Rund 1.800 sogenannte Hidden Champions haben ihren Sitz in Deutschland: Unternehmen, die in ihrer Nische weltweit führen, weil sie ihr Fach besser beherrschen als andere. Kein anderes Land hat so viele davon. Genau diese Tiefe, dieses über Generationen gewachsene Verständnis für Prozesse und Qualität, ist der Rohstoff, aus dem verlässliche KI-Anwendungen entstehen.
Was jetzt zählt
Aus unserer Sicht kommt es in den kommenden Jahren auf drei Dinge an.
Erstens darauf, Arbeit neu zu denken, statt Werkzeuge auszutauschen. Der größte Nutzen entsteht nicht dort, wo KI an eine bestehende Stelle gesetzt wird, sondern dort, wo ein Ablauf von Grund auf neu gestaltet wird. Am besten beginnt man mit der Arbeit, die jeden Tag wiederkehrt und spürbar Zeit kostet.
Zweitens darauf, das eigene Wissen zu erschließen. Das Können eines Unternehmens steckt in Köpfen, Dokumenten und Erfahrungen. Wer dieses Wissen so aufbereitet, dass KI damit arbeiten kann, schafft einen Vorsprung, den kein Wettbewerber einfach kaufen kann.
Drittens auf die Menschen. Schon bei der Elektrifizierung gelang der Durchbruch erst, als Mitarbeiter mehr Verantwortung bekamen und entsprechend ausgebildet wurden. Bei KI ist es nicht anders. Die erfolgreichsten Unternehmen werden nicht die sein, die am meisten automatisieren, sondern die, deren Teams am besten mit KI arbeiten.
Die nächste KI-Welle wird nicht in Kalifornien entschieden. Sie wird in den Unternehmen entschieden, die jetzt den Schritt vom Ausprobieren zum Umbau gehen. Bei Kerving arbeiten wir an genau diesem Übergang. Wenn Sie ihn mitgestalten wollen, freuen wir uns auf das Gespräch.

